Cfp: Seeing and Noticing – Videoanalysis in Action (VIII.)

Call for participation                                                                         

Seeing and Noticing – Videoanalysis in Action (VIII.)                    

– Videoanalysen zu Raum und Zeit –

Workshop an der Bielefeld Graduate School in History and Sociology (BGHS) für Nachwuchswissenschaftler*innen am 07. & 08.12.2018

des (Nachwuchs-) Arbeitskreises „interpretative Videoanalyse“

Die Konversationsanalyse bietet mit dem Konzept der Sequentialität ein methodologisch reflektiertes und methodisch erprobtes Konzept für die Analyse zeitlicher Aspekte der Gesprächs- und Interaktionsanalyse an. Mit einer ethnographischen Perspektive zeigten Cicourel (1962) und später Scheffer (2013), wie Handelnde zeitlich voneinander getrennte Sequenzen aufeinander beziehen und so in größere soziale Zusammenhänge integrieren, sodass sich Forschenden eine Transsequentialität offenbart.

Bei videobasierten Studien wurde deutlich, dass neben dem Einsatz von Mimik und Gestik auch räumliche Aspekte wie Körperpositur, aber auch architektonische Gegebenheiten relevant für die Bedeutungskonstitution von Interaktionsbeteiligten sein können. In der Interaktionslinguistik haben Hausendorf, Schmitt und Kesselheim (2016) mit der Unterscheidung zwischen Interaktionsarchitektur, Sozialtopographie und Interaktionsraum eine Terminologie entwickelt, die es ermöglichen soll, räumlich-architektonische Gegebenheiten in die Interaktionsanalyse einzubeziehen. Räumliche Aspekte der Interaktion kamen in den eher ethnographisch orientierten studies of work und den sich darauf entwickelnden workplace studies auf eine andere Weise in den Blick: moderne Arbeitsplätze sind ausgestattet mit technischen Geräten, die eine Umgebung für die dort Arbeitenden ergeben, in der spezielle Aneignungs- und Kommunikationspraktiken genutzt werden, um die Arbeit zu erledigen. Ziel dieser Studien ist es, diese Praktiken zu identifizieren und ihre Bedingtheit in der räumlich-technischen Ausstattung aufzuzeigen sowie ihre Einbettung in einen Arbeitszusammenhang zu rekonstruieren.

Im Rahmen des Workshops sollen Beispiele präsentiert werden, bei denen zeitliche und /oder räumliche Aspekte diskutiert werden können. Hierbei erscheint ein interdisziplinärer Austausch zwischen unterschiedlichen Ansätzen der Analyse audiovisuellen Materials fruchtbar, dem dieser Workshop einen Raum bieten möchte. Dabei können folgende Fragen leitend sein:

–    Wie können unterschiedliche Zeithorizonte, wie etwa feinschrittige Detailanalysen und eine historische Perspektive, aufeinander bezogen werden?

–    Wie können räumliche und zeitliche Aspekte der Visualität aufeinander bezogen werden?

–    Wie und mit welchen methodologischen Ansätzen kann audiovisuelles Material genutzt werden und welche Phänomenbereiche werden so erschlossen?

Wir laden Nachwuchswissenschaftler*innen ein, uns bis zum 15. Oktober 2018 auf max. einer halben Seite ihr Forschungsvorhaben und eine Beschreibung ihres zu präsentierenden Videomaterials zu skizzieren und an die unten angeführte E-Mail-Adresse zu schicken. Bitte reichen Sie keine Vorträge ein, sondern Vorschläge für Datensitzungen, in denen die Teilnehmenden des Workshops gemeinsam ihr Videomaterial diskutieren. Es besteht die Möglichkeit auch ohne eigenes Material am Workshop teilzunehmen. Hierfür bitten wir ebenso um eine kurze Anmeldung via E‐Mail bis zum 15. November 2018 an folgende Adresse:

paul.goerigk@uni-bielefeld.de

Paul Goerigk, Ulrich von Wedelstaedt, Sarah Hitzler, Marius Meinhof, Christian Meier zu Verl, Clemens Eisenmann

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Tagungsbericht zum VII. Videoanalyseworkshop des ›Arbeitskreises‹ Interpretative Videoanalyse

Vom 19.04.–21.04.2018 fand an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt der nunmehr VII. Videoanalyseworkshop des ›Arbeitskreises‹ Interpretative Videoanalyse statt (Der Hintergrund der Reihe ist nachzulesen auf der Homepage videoanalyse.net sowie im Rundbrief Nr. 29). Den Rahmen hat erneut ein thematischer Zuschnitt gebildet. Im Anschluss an die Session des Arbeitskreises ›Interaktionsforschung‹ beim letztjährigen Wissenssoziologiekongress lautete das Thema diesmal »Handeln und die Koppelung von Dingen, Körpern und Wissen«.

Foto Vidoeworkshop Eichstätt 2018 _1
Foto: Christoph Dukat

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Call for active participation

Seeing and Noticing

– Videoanalysis in Action – Handeln und die Koppelung von Dingen, Körpern und Wissen – VII. Workshop des (Nachwuchs-) Arbeitskreises Interpretative Videoanalyse

Call_Videoworkshop_April 2018

Der siebte Workshop des (Nachwuchs-) Arbeitskreises interpretative Videoanalyse findet im kommenden Frühjahr vom 19. – 21. April 2018 an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt statt. Der thematische Schwerpunkt ist diesmal gelegt auf – immer situierte – Verweisungszusammenhänge von Dingen (z.B. Gerätschaften, Techniken, Spiele, Puppen; der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt), Tieren, menschlichen Körpern, Wissen (Erwartungen), Räumen und Affekten/Affiziertheiten in Kontexten alltäglichen (auch beruflichen) Handelns. Ein besonderes Augenmerk wollen wir dabei im Sinne eines noch weiter zu bestimmenden ,sensibilisierenden Konzepts‘ auf den Begriff der ,Koppelung´ legen.

Damit schließen wir an eine Thematik an, die bereits in der von Cornelius Schubert und Sophie-Merit Müller im Rahmen des vergangenen Wissenssoziologie-Kongresses veranstalteten Session des Arbeitskreises Interaktionsforschung „Interaktionsrelationen – Wissen – Körper – Dinge – Affekte“ im Fokus stand. In seinen einschlägigen Studien zu medizinischen Arbeitszusammenhängen hat sich Cornelius Schubert sowohl empirisch als auch konzeptionell mit der situierten Herstellung von Ordnungen in zunehmend technisierten dokumentarisch vielschichtigen Umgebungen medizinischen Handelns befasst. ‚Koppelung’ verweist beispielweise auf technische Zufuhr von Medikamenten und Anzeigen von Körperfunktionen auf einem Monitor; ‚Koppelung’ kann, so Schubert mit Verweis auf einen improvisierenden Klavierspieler, auch ein situatives Verschmelzen mit einem Instrument bedeuten. Gerade die vielschichtigen, an unterschiedlichste Gerätschaften gekoppelten Behandlungsverläufe erfordern von Ärzten auch immer wieder improvisierendes Anpassungshandeln, insbesondere dann, wenn es zu Störungen kommt.
Diese Problemstellung, die sich aus diversen soziologischen Theorieperspektiven unterschiedlich darstellt – u.a. Actor-Network-Theory, Pragmatismus, Ethnomethodologie, Kommunikativer Konstruktivismus, Praxistheorie -, gilt es im Rahmen unseres (Nachwuchs-) Arbeitskreises vertieft zu betrachten. Interessent*innen sind eingeladen, eigenes erhobenes Videomaterial vorzustellen, anhand dessen wir uns gemeinsam Verweisungs-zusammenhängen und ,Koppelungen´ unterschiedlicher Art und den damit verbundenen Herausforderungen des Alltagshandelns interpretativ-analytisch widmen können. Erwünscht sind insbesondere Beiträge aus pflegerisch-medizinischen und religiös-spirituellen Kontexten. Dies gilt jedoch nicht als Ausschlusskriterium.

PD Dr. Cornelius Schubert wird den Workshop am 19.04.2018 mit einem Abendvortrag einleiten und dann, gemeinsam mit Prof. Dr. Jo Reichertz, als Mitdiskutant am Workshop teilnehmen. Das Programm des Workshops findet sich hier.

Interessent*innen an einer Teilnahme am Workshop werden gebeten, sich bei Christoph Dukat (christoph.dukat@ku.de) anzumelden. Die Teilnehmeranzahl ist begrenzt, noch gibt es freie Plätze. Der Workshop wird freundlich unterstützt durch die Eichstätter Universitätsstiftung und die Sparkasse Ingolstadt-Eichstätt.

Seeing and Noticing – Videoanalysis in Action (V): Gattungen, Formen und Strukturebenen. Bericht zum Videoanalyseworkshop, 7. – 8. April 2017 in Bayreuth

Tagungsbericht, erschienen im Rundbrief 29 (April 2017) der Sektion Wissenssoziologie der DGS, S.48-54.
Zum Hintergrund der Reihe »Videoanalyseworkshop«:

Das Veranstaltungsformat »Videoanalyseworkshop« dient als Plattform für einen mittlerweile gewachsenen Zusammenschluss junger WissenschaftlerInnen, die sich dezidiert mit der Analyse audio-visueller Daten beschäftigen (www.videoanalyse.net). Das Format der Diskussion bildet die ›Videodatensitzung‹, die mittlerweile im Kontext einer reflexiv gewendeten Forschung selbst zum Gegenstand der Forschung geworden ist (s.u.). Nachwuchs-wissenschaftlerInnen und auch weiter fortgeschrittene KollegInnen erhalten die Gelegenheit, in eigenen Slots audio-visuelle Daten aus ihren Forschungsprojekten/Dissertationen vorzustellen und dann in einem offenen Plenum analytisch zu diskutieren. In dieser Hinsicht sind die Veranstaltungen thematisch offen, method(olog)isch aber an den Datentypus des Videos gebunden. Dabei ist es zwar präferiert, aber nicht unbedingt Voraussetzung, dass die Videodaten selbst erhoben/erzeugt wurden.
Den Ursprung nahm die Reihe, durch René Tuma und Christian Meyer zu Verl initiiert, vor gut zwei Jahren (2015) an der TU Berlin. Seitdem finden in halbjährlichem Rhythmus an wechselnden Standorten Videoanalyseworkshops statt. Dies geschah bisher an den Universitäten Bielefeld, Siegen, München und nunmehr Bayreuth, wobei die Setzung von Schwerpunkten und das genaue Format der Workshops vom jeweiligen lokalen Organisationsteam und wechselnden Fördermöglichkeiten geprägt ist. Für die Unterstützung der Veranstaltungen zu danken ist an dieser Stelle (chronologisch) Prof. Hubert Knoblauch, der Bielefeld Graduate School in History and Sociology, dem DFG-Graduiertenkolleg »Locating Media« in Siegen, dem Munich Center for Technology in Society und der University of Bayreuth Graduate School. Der kommende Workshop wird am 24. und 25. Oktober 2017 im Vorfeld der an der Universität Konstanz veranstalteten Konferenz »50 Jahre Studies in Ethnomethodology – 100 Jahre Harold Garfinkel« stattfinden.
Während die ersten Workshops thematisch noch offen und unspezifisch waren, zeigte sich im weiteren Verlauf, dass spezifische Datentypen wie Youtube-Videos nicht nur wiederholt zu methodischen Problemen und Diskussionen führten, sondern auch nach Lösungen und intensiverer methodologischer Auseinandersetzung verlangten. Das veranlasste uns schließlich, in München erstmals einen thematischen Zuschnitt auf Youtube-Videos zu wählen und als einen Experten Dr. Boris Traue (Leuphana Universität Lüneburg) einzuladen, um in einem äußerst informierten Werkstattbericht Input für Diskussion und Reflexion zu liefern.
In dieser Weise reihte sich nun auch der inhaltliche Rahmen des Bayreuther Workshops ein, der sich zur Aufgabe gemacht hat, mit dem Thema der Kommunikativen Gattungen und der Gattungsanalyse ein in der Soziologie etwas an den Rand gedrängtes Sujet aufzugreifen und aus verschiedenen soziologischen und auch linguistischen Problemzuschnitten über zwei Tage intensiv zu bearbeiten. Als kommunikative Gattungen werden sprachlich verfestigte Muster (u.a. Klatsch, Konversionen, Predigten) bezeichnet, die historisch und kulturell spezifische, fixierte Lösungen von Kommunikationsproblemen darstellen. Sie sind Grundformen des Wissens und dienen dazu, intersubjektive Erfahrungen der Lebenswelt zu bewältigen, mitzuteilen und bilden zusammen mit nicht-gattungsmäßigen Kommunikationsformen den kommunikativen Haushalt einer Gesellschaft. Zu Bearbeitung dieses Themas wurden mit Juliane Böhme (HU Berlin) und Renè Wilke (TU Berlin) sowie Prof. Bernt Schnettler (Universität Bayreuth) zwei Referenten(gruppen) eingeladen, die das Thema der kommunikativen Gattungen empirisch weiterentwickelnd und genealogisch aufgegriffen haben.
Zum Videoanalyseworkshop in Bayreuth:

In der ersten Datensitzung zur »Reflexiven Videoanalyse« greift René Tuma (TU Berlin) gleich zum Auftakt des Workshops eine methodologische Grundlagenfrage auf: Wenn wir Videos interpretieren, so tun wir das selber auch immer als Form des gemeinsamen kommunikativen Handelns. Die institutionalisierte Form der Datensitzung ließe sich zudem als kommunikative Gattung bezeichnen. Die Untersuchung dieser Gattung ist Teil einer Querschnittsaufgabe, die sich v.a. René Tuma und Christian Meier zu Verl (Universität Konstanz) vorgenommen haben. Nachdem in den vergangenen Sitzungen vor allem kleine Formen des Re-enactments und Gesten im Mittelpunkt standen, so wurden in dieser Sitzung längere Argumentationsprozesse in den Blick genommen, um zu verst-hen wie Kontextwissen in die Datensitzung eingeführt wird.
An dieses Gattungsformat anschließend machten sich Juliane Böhme (HU Berlin) und René Wilke (TU Berlin) im ersten Inputvortrag daran, auf der Grundlage eigener em-pirischer Vorarbeiten (Juliane Böhme zur Durchführung von ökonomischen Laborexperimenten und René Wilke zum Phänomen des akademischen Group Talk im Bereich der Computational Neuroscience), ihren metho(dolog)ischen und konzeptionellen Zugang zur Gattungsanalyse, der an Günthner & Knoblauch (1994) und den Kommunikativen Konstruktivismus (Keller et al. 2012) anschließt, zu beschreiben und darauf basierend die Gattungsanalyse als Daten-triangulierendes Auswertungsverfahren zu entwerfen, das mittels unterschiedlicher Datentypen, Phänomene auf der Mikroebene des Sozialen (Handeln), systematisch mit (un-)mittel-baren Kontexten zu verknüpfen erlaubt.
Christoph Dukat (Universität Eichstätt-Ingolstadt) stellte in der Datensitzung zur »Begleitung in der Demenzbetreuung« selbstaufgezeichnete Situationen in einem Seniorenpflegezentrum vor, die Teil einer ethnographischen Studie zum Einsatz »sozial assistiver Robotik« ist. Im Verlauf der Datensitzung wurde untersucht, ob es sich bei den Handlungsweisen der sogenannten »Betreuungskräfte« um Aktivitäten des Betreuens, Aktivierens oder des Begleitens handelt und wie Assistenzroboter in die Interaktionen zwischen den Bewohnern und den Betreuungskräften eingebunden werden.
In der Datensitzung von Inka Fürtig (Universität Siegen) zum »Digitalisierte[n] Familienalltag, frühe Kindheit und (neue) Medien« spielten Technologien als Teil von Interaktionen eine zentrale Rolle. Am Beispiel mehrerer Datenstücke wurde analysiert, wie sich die (Nutzungs- und) Umgangsweisen mit neuen Medien, insbesondere von Smartphones, durch junge Kindern im familialen Alltag etablieren. Dabei wurde ersichtlich, dass sich Interaktionen lokal um und mittels Smartphones organisieren, etwa wenn Eltern ihren Kindern Gebrauchsweisen und Praktiken von Appnutzungen erläutern und instruieren.
Die letzte Datensitzung des ersten Workshoptages von Andrea Geipel (Technische Universität München) zu »Community Building unterschiedlicher Wissenschaftsformate auf YouTube« befasste sich mit Material zu einem »Wissensyoutuber«, wobei diskutiert wurde in welchem Interaktionszusammenhang die Kommentare unter den Videos und das Videomaterial selber stehen. Methodisch wurde hierzu die Membership Categorization Analysis aufgegriffen. Den Abend ließen wir schließlich bei einem gemeinsam Abendessen in fränkischem Ambiente ausklingen.
Aufgrund der hohen Anfrage wurde der zweite Tag in zwei parallele Streams aufgeteilt. In der Datensitzung von Felix Albrecht (Karlsruher Institut für Technologie) »Prüfen« wurde die Eröffnungssequenz eines als Prüfung angelegten Workshops mit Maschinenbaustudierenden analysiert, wobei deutlich wurde, wie sehr der Formalisierungsgrad der Prüfung Aushandlungen zu den Modalitäten herausfordert. Als Anschluss an die Theorie kommunikativer Gattungen wurde speziell die Unterscheidung zwischen Gattung und Veranstaltung thematisiert, wobei sich die Analyse einer Gattung an ›nur‹ einem Datum als unmöglich, bzw. spekulativ erwies. Vielmehr scheinen dazu umfassende Analysen größerer Korpora notwendig, die den Rahmen einer Dissertation weit übersteigen würden.
Christina Brandenberger & Christoph Hottiger (Universität Zürich) stellten in ihrer Datensitzung »Besucherinteraktion in Museen« Videomaterial in Form kombinierter Perspektiven vor. Zum einen wurden die untersuchten Personen (Paare) bei ihrem Gang durch ein Museum und bei ihrem Umgang mit den Exponaten aufgezeichnet. Zum anderen waren diese Personen (teilweise) mit Eye-tracking-Brillen ausgestattet. Es zeigte sich deutlich, dass die Vielzahl der verfügbaren Perspektiven die Unteruchungssituation gut nachvollziehbar machte, aber auch zu einem klar ersichtlichen Aufwand führt, wie das Material für eine notwendigerweise fokussierte Datensitzung zusammengestellt wird.
Maximilian Krug (Universität Duisburg-Essen) behandelte in seiner Sitzung zu »Probieren in Theaterproben als kommunikative Gattung?« die Koordination multipler Aktivitäten in Theaterproben. Mittels vier Kameras und Eyetracking-Brillen wurde eine szenische Probe mit zwei Schauspielern, dem Regisseur, der Regieassistenz, dem Videotechniker und einem Hospitanten unter die Lupe genommen. Neben der Feinanalyse wurde auch in Frage gestellt, inwieweit »Probieren« als kommunikative Gattung begriffen werden kann und wie die einzelnen Teilnehmer dazu beitragen, diese Gattung zu formen.
Christine Keller (Technische Universität Dortmund) untersuchte in ihrer Datensitzung »Formen der Interaktion und Kommunikation im Umgang mit Menschen mit Demenz – Eine videogestützte ethnographische Rekonstruktion der Integrativen Validation« Prozesse der Wissensvermittlung und Vermittlungsformate, in denen Menschen von einer erfahrenen ›Trainerin‹ im Umgang mit Menschen mit Demenz geschult werden.
Bernt Schnettler (Universität Bayreuth) unternahm in dem zweiten Inputvortrag eine sehr grundlegende Rekonstruktion der Gattungsanalyse und des Entstehungszusammenhangs Kommunikativer Gattungen, die innerhalb der Soziologie zunächst durch Thomas Luckmann (1986/88) ausgearbeitet wurden. Dabei zeichnete Schnettler neben zentralen Bezügen der GA u.a. zur Ethnographie des Sprechens, zur Ethnomethodologie und zur volkskundlichen Erzählforschung nach und verwies auch in kritischer Weise auf auseinanderdriftende Entwicklungslinien und Abgrenzungen innerhalb (etwa der Hermeneutik) wie außerhalb (zur Linguistik) der Soziologie. Damit öffnete er schließlich das Forum für weiterführende Diskussionen zu Möglichkeiten und Grenzen der empirischen Gattungsforschung, ihrer Skalierbarkeit und Reichweite sowie begrifflichen Unzulänglichkeiten.
In der Datensitzung von Caroline Dix (Universität Bayreuth) »Vom Monolog zum Dialog durch Video: interaktive Sequenzen in christlichen Predigten« wurden neben sequenzanalytischen und linguistischen Aspekten vor allem methodische Fragestellungen beleuchtet. Im Zentrum stand dabei das bereits am Vortag des Workshops aufgeworfene Problem einer adäquaten Darstellung multimodaler Aspekte in schriftlichen Analysen und die Transkription von Videodaten. Dazu wurde ein möglicher Ansatz anhand ausgewählter Videosequenzen unterschiedlicher Predigtformenvorgestellt und diskutiert.
Ganna Poliakova (Universität Bayreuth) ließ in ihrer Datensitzung zur »Telemedizinische[n] Kommunikation« Videoausschnitte aus medizinischen Telekonsilen zur Schlaganfallversorgung analysieren. Gegenstand war aus einer dezidiert linguistischen Perspektive die Interaktion zwischen Ärzt/innen und Patient/innen und die Interaktion zwischen Ärzt/innen in eben jenem telemedizinischen Setting, d.h. einer medial vermittelten Situation, in der Ärzte, die nicht im selben Raum sind, miteinander kooperieren müssen. Dabei erweist es sich als besondere Herausforderung, die unterschiedlichen Modalitäten aus Sprache und Körperlichkeit im Prozess der gemeinsamen Diagnosestellung wechselseitig zu koordinieren.
Wie die vorangegangenen Workshops hat sich auch dieses Mal wieder gezeigt, dass die Diskussion von unterschiedlichem Videomaterial aus verschiedenen Disziplinen, zu ebenso vielfältigen Phänomenen und mit unterschiedlichen Analyseansätzen äußerst fruchtbar für wechselseitige Anschlüsse und Debatten übergeordneter Themen ist. Nicht zuletzt die Rahmung, Vorbereitung und Gestaltung von Datensitzungen (für unterschiedliche Zwecke, Fragestellungen und Gruppierungen) wurden wiederholt thematisiert und werden sicherlich auch in zukünftigen Workshops relevant sein. Schließlich wurde der thematische Zuschnitt auf kommunikative Gattungen nicht nur durch das große Interesse der TeilnehmerInnen bestätigt. Gleichermaßen zeigte sich, dass die empirische und konzeptionelle Auseinandersetzung mit Kommunikativen Gattungen ein Thema bleibt, dessen Weiterentwicklung über Formen der Sprachlichkeit hinaus hin zu Visualität und (dinghafter, körperlicher) Materialität ein lohnenswertes Unterfangen scheint.
Ajit Singh (Erkner), Bernd Rebstein (Bayreuth), Felix Albrecht (Karlsruhe)

50 Jahre „Seeing and Noticing“: VI. Nachwuchsworkshop Videoanalyse am 25.-26.10.2017 an der Universität Konstanz

CfP AV-WorkshopOktKonstanz

Die sechste Veranstaltung des Videoanalyse-Nachwuchsnetzwerkes findet diesen Herbst in enger Anbindung an die internationale Konferenz „Harold Garfinkel’s ‚Studies in Ethnomethodology’ – Fifty Years After“ an der Universität Konstanz statt, die das Veröffentlichungsjubiläum zum Anlass hat. Während sich die Konferenz insbesondere den sozialtheoretischen Grundlagen dieses zentralen Werkes der Ethnomethodologie zuwendet und im aktuellen Theoriediskurs verorten möchte, ergänzt der Nachwuchsworkshop diese Perspektive durch die gewohnte gemeinsame analytische
Arbeit an konkretem Videomaterial.

Ganz im Sinne der Studies in Ethnomethodology geht es uns vornehmlich darum, in Datensitzungen zusammen die „routine grounds of every day activities“ zu erkunden. Daher laden wir besonders zu solchen Beiträgen ein, die sich alltäglichen, oft über- oder ungesehenen Phänomen des menschlichen Zusammenlebens widmen, wie sie Garfinkel etwa in seinen Arbeiten zum passing von Transsexuellen, dem Verhalten eines Geschworenengerichts, dem ‚rationalen’ Verhalten in der Wissenschaft oder der Gebrauch von Krankenakten behandelt hat. Im Zentrum stehen also jene alltäglichen
Phänomene, die Sozialität in all ihrer Wirkmächtigkeit erst herstellen, und die sich dabei doch der reflexiv-wissenschaftlichen Betrachtung häufig entziehen. Da dies prinzipiell alle sozialen Situationen umfasst, sollen Beiträge sich weniger durch thematische Beschränkungen als vornehmlich durch eine ethnomethodologische Perspektive auf vermeintlich Selbstverständliches auszeichnen. Primär sollen die unbemerkten Praktiken und Verfahren der Erzeugung unhinterfragter Ordnungen in den Fokus gerückt werden.

Wir laden alle Interessierten ein, bis zum 15.09.2017 Vorschläge für Datensitzungen im Umfang etwa einer halben DIN A4-Seite einzureichen (kultursoziologie@uni-konstanz.de).

Als Diskutanten konnten wir Jürgen Streeck (University of Texas, Austin) gewinnen. Wir freuen uns auf zahlreiche Vorschläge und auf einen spannenden Workshop am 25.-26.10. in Konstanz!

Clemens Eisenmann & Christian Meier zu Verl & Ulrich von Wedelstaedt (Universität Konstanz), Paul Goerigk & Sarah Hitzler & Marius Meinhof (Universität Bielefeld)

Seeing and Noticing – Videoanalysis in Action (V) – Gattungen, Formen und Strukturebenen – 7./8.4.2017 an der Universität Bayreuth

Download: cfp-videoanalyseworkshop-v_2017_bayreuth

An der Universität Bayreuth findet vom 7. bis 8. April 2017 der 5. Workshop zur Videoanalyse statt (videoanalyse.net). Ziel ist es, NachwuchswissenschaftlerInnen aus unterschiedlichen Fachrichtungen die Möglichkeit zum kollegialen Austausch und der gemeinsamen Arbeit an natürlichen Videodaten zu geben, deren Fokus auf der Betrachtung und Analyse sozialer Interaktionen liegt. Die Veranstaltung hat Werkstatt-Charakter und stellt die gemeinsame (ethnomethodologisch und konversationsanalytisch informierte) Videointeraktionsanalyse und Interpretationsarbeit aller TeilnehmerInnen an den überwiegend selbst erhobenen Videodaten ins Zentrum.

Für den Workshop in Bayreuth liegt der thematische Schwerpunkt auf der soziologischen Gattungsforschung (Bergmann/Luckmann, Günthner/Knoblauch, Schnettler u.a.). Als kommunikative Gattungen bezeichnet werden sprachlich verfestigte Muster (u.a. Klatsch, Konversionen, Predigten), die historisch und kulturell spezifische, fixierte Lösungen von Kommunikationsproblemen darstellen. Sie sind Grundformen des Wissens und dienen dazu, intersubjektive Erfahrungen der Lebenswelt zu bewältigen und mitzuteilen und bilden zusammen mit nicht-gattungsmäßigen Kommunikationen den kommunikativen Haushalt einer Gesellschaft. Im Rahmen des Workshops sind Input-Referate zum Thema Gattungsanalyse, der Logik der unterschiedlichen Analyseebenen und insbesondere der Frage geplant, wie man – auf Grundlage situativer Betrachtungen und vor Ort-Beobachtungen Aussagen über die übersituative (Außen)Strukturebene getroffen werden können.

Ausdrücklich laden wir NachwuchswissenschaftlerInnen, die sich für diese Methodologie interessieren oder bereits damit arbeiten, ein, sich zu bewerben. Im Fokus des Workshops stehen dezidiert keine Vorträge, sondern gemeinsame Analyse- und Interpretationssitzungen an Videodaten. Neben der aktiven Teilnahme mit eigenen Daten gibt es auch als Besucher ohne eigenen Beitrag die Möglichkeit, am Workshop teilzunehmen und mitzudiskutieren.

Eure Bewerbungen (max. eine halbe Seite) mit der Beschreibung des zu diskutierenden Videomaterials richtet bitte bis zum 15.2.2017 an Bernd.Rebstein@uni-bayreuth.de & ajit.singh@uni-bayreuth.de. Voraussichtlich bis Ende Februar informieren wir über den Stand der Planung und das weitere Vorgehen. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt, um eine fokussierte Arbeit an den Daten zu ermöglichen.

Felix Albrecht, Christian Meier zu Verl, René Tuma, Bernd Rebstein, Ajit Singh

Erfahrungen 3. Videoanalyseworkshop

Ulrich von Wedelstaedt

Interaktion im Boxsport

Im Zentrum der Datensitzung standen Interaktionsvorgänge im Boxsport. In der gezeigten Szene befindet sich der Boxer in einem Kampf und im weiteren Verlauf in einer Rundenpause. Hierbei werden durch Trainer kontinuierlich Anweisungen und Kommentare zugerufen und er erfährt in der Rundenpause eine ausführliche Betreuung. Analytisch lag der Fokus vor allem auf Koordinations- und Abstimmungsprozessen zwischen den Beteiligten und den umfassenden verkörperten Kommunikationsressourcen, die hierzu eingesetzt werden.

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Ankündigung: Workshop „Analyse von Videomaterial im Kontext der Affekt- und Emotionsforschung“

[Ausserhalb der Reihe Videoanalyse.net, offen für einzelne Interessierte nur nach kurzer Anmeldung an: Rene.tuma@Tu-Berlin.de]

Fu Berlin, SFB 1171 „Affective Societies“ / TU Berlin, Institut für Soziologie

 Workshop

„Analyse von Videomaterial im Kontext der Affekt- und Emotionsforschung“

 03./04.02.2017

 Veranstaltungsort:

TU Berlin, Institut für Soziologie, Fraunhoferstraße 33, 10587 Berlin, Raum FH 919

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Verwendung nach CC0 Public Domain https://pixabay.com/de/lego-puppe-die-pro-amphitheater-1044891/

Download: Ankuendigung-und-Programm

Die Videoanalyse hat sich in den vergangenen Jahrzehnten als neues interpretatives Verfahren zur Analyse kommunikativer Handlungen etabliert. Die Aufzeichnungstechnologie hält soziales Geschehen in seiner genauen zeitlichen Abfolge und der ganzen visuell erfassbaren Bandbreite mit einem hohen Detailgrad fest und erlaubt es den Forschenden, die Daten immer wieder und auch immer genauer auszuwerten. „Ankündigung: Workshop „Analyse von Videomaterial im Kontext der Affekt- und Emotionsforschung““ weiterlesen

Erfahrungen vom 4. Videoanalyseworkshop

– Katharina Schardt –

Der Videoanalyseworkshop war eine wertvolle Gelegenheit für mich, den Umgang mit Web-videos sowohl allgemein als auch bezogen auf mein eigenes Promotionsvorhaben im (inter-disziplinären) Gedankenaustausch mit anderen zu reflektieren. In meiner Datensitzung zum Thema Vorstellen – Empfehlen – Werben? Sprechen über Kosmetikprodukte auf deutschen Beauty-Kanälen wurden neben dem Videomaterial vor allem methodische Fragen diskutiert. Hier war besonders die Besprechung verschiedener Samplingstrategien hilfreich für mich, im Rahmen derer ich einige wichtige Hinweise für die Zusammenstellung eines geeigneten Text-korpus erhalten habe. Bei der Arbeit mit den drei gezeigten Ausschnitten aus Webvideos zum Thema dekorative Kosmetik ist mir die konsequente Orientierung an den Beobachtungen im Datenmaterial aufgefallen. Diese stark gegenstandsverankerte Denkweise war mir so bisher noch nicht vertraut, hat sich für mich aber sowohl im Kontext der Suche nach einer geeigneten Samplingstrategie als auch bei der weiteren Konkretisierung meiner Forschungsfrage als sehr fruchtbar erwiesen.